Das System Karate

Was ist eigentlich Karate?
Wie funktioniert das Lehrsystem dahinter?
usw…
Ich habe mal versucht die methodischen Ansätze ein wenig (und hoffentlich verständlich 🙂 ) zu erklären. Natürlich schadet es nicht, wenn Du Dich auch in anderen Quellen umsiehst – je nach Stilrichtung, Prägung (Selbstverteidigung, Sport-/Wettkampfkarate, „vergeistigte“ Kampfkunst), Trainer und Verband variieren hier die Ansichten mal mehr, mal weniger.

„Es gibt immer mehr Wahrheiten als nur die eigene.“
Hier zumindest der Versuch zu erklären, wie es im Shinbukan Dojo gelebt wird.

Die Säulen des Karate

Unser Karate-Unterricht lässt sich grob in folgende Bausteine unterteilen:

  • Kihon Renshu – 基本練習:
    • „Grundtechniken“, Grundlegende Übungen, Basisbewegungen im Stand geübt, wobei es unzählige vorgeschriebene Stände einzuhalten gibt
  • Zenshin-Kotai – 前進後退:
    • „Vorwärts-Rückwärts“, Grundtechniken in Vorwärts- bzw. Rückwärtsbewegung ausgeführt
  • Ippon-Kumite – 一本組手:
    • „Ein Punkt-Kämpfende (begegnende) Hände“, Grundtechniken in einem vorher festgelegten und nach „formellen Bewegungsmuster“ abgesprochenen Ablauf zusammen mit einem Partner geübt, jeweils in den Rollen „Angreifer“ und „Verteidiger“
  • Kata – 型:
    • „formeller Ablauf“, eine Aneinanderreihung von unterschiedlichen Techniken in oft unterschiedlichen Himmelsrichtungen und in verschiedensten Ständen und Timings geübt

Neben diesen „Oberbegriffen“ gibt es noch weitere Trainingsmethoden, die aber entweder Abwandlungen (Ippon-Kumite, Yonhon-Kumite, Uke-Harai, …) sind oder Sportartübergreifend bekannt sind…
Hierzu zählen z.B. Koordinationstraining, Ausdauertraining, Krafttraining, Freikampf (nach Wettkampf-/Regelsystem).
Bei der Ausführung kann es dann aber doch auch wieder speziellere, „japanisch beeinflusste“ Methoden geben, z.B. Krafttraining mit speziellen Geräten (Chiishi, Nigiri Games, usw.) oder Abhärtungstraining (Makiwara, Kotegitae, …).
Auf diese Methoden werde ich hier nicht näher eingehen, hierzu musst Du Kontakt aufnehmen.

Kata

Zur näheren Beschreibung möchte ich bei „Kata“ beginnen.
Kata ist der Ursprung des Unterrichtssystems und der wichtigste Teil des Karate – es ist die Seele des Karate!

Karate ist Kata – Kata ist Karate

Kata ist eine „handwerkliche Methode“ um Wissen zu transportieren. So gibt es Kata im asiatischen Raum in vielen handwerklichen Berufen: Tischler, Koch, Bäcker, uvm.
Bestimmte und wichtige Bewegungsabläufe werden in Form gebracht und einstudiert, bis die Bewegung eine schier unglaubliche Perfektion erreicht. Deutlich macht dies beispielsweise auch die wohl bekannte „Teezeremonie“. Jedes noch so kleine Detail ist genau vorgeschrieben: Wie oft und in welche Richtung gerührt wird, wo und wie der Löffel abgelegt wird, wie die Teeschale gehalten wird, …

Es wird also theoretisches Wissen um die Art und Weise einer Ausführung in einer Bewegung manifestiert – quasi in einer Form abgespeichert vergleichbar mit Datensätzen in einem modernen Speichermedium wie einer Festplatte.

In der Kampfkunst kann man sich das für die Entstehung einer Kata in etwa so vorstellen:
Es wird eine theoretisch bekannte Technik in einem Anwendungsbeispiel zusammen mit Partner geübt und verfeinert. Um die Technik korrekt anzubringen, sind vielleicht auch geringfügige Anpassungen notwendig – mal eine Drehung, mal ein Schritt zu einer bestimmten Seite. Dies alles verhilft zu „Erfahrung“.
Wenn die erste, oft einfachste Technik sitzt, werden weitere Möglichkeiten zur Anwendung erprobt, mit den Schülern besprochen, noch tiefer optimiert und perfektioniert.
Die Erfahrungen hierbei sind von unschätzbarem Wert. Dadurch wird Karate erst lebendig! (Mir unbegreiflich, dass heutzutage langjährige Schwarzgurt-Träger es nötig haben, beim jeweiligen Landesverband spezielle „Selbstverteidigungslehrgänge“ zu besuchen…)
Das Wissen um die praktische Anwendung einer Technik nennt man „Bunkai – 分解“, was man mit „Analyse“ oder „Zerlegung“ übersetzen kann.

Nun muss das Wissen zur Weitergabe an die nächste Generation noch entsprechend „abgespeichert“ werden. Hierzu werden die groben Bewegungsmuster, aber auch kleinste Details, aus der soeben erlernten Anwendung in einer geschlossenen Form, eben der Aneinanderreihung der einzelnen Techniken, zusammengefasst. Es entsteht ein fester Bewegungsablauf, der manchmal an eine Art Tanz erinnert. Ein zeremoniell anmutender Beginn und Schluss, immer mit einer Verbeugung zum Gruß voran und ebenso am Ende, dann die Techniken – eine nach der anderen – als lose Bewegung ohne Gegner, manchmal nur eine Seite, manchmal jede Seite… Es sieht aus als kämpfe man gegen den eigenen Schatten oder wie eine Simulation gegen einen oder auch mehrere Angreifer…

Tatsächlich aber wird derjenige, der die Kata immer und immer wieder übt, sich den Ablauf einprägt, auch mit jeder einzelnen Ausführung der Kata an jede einzelne Technik und somit an jede einzelne Bunkai erinnert. Ebenso wird man befähigt werden, sich an die Sätze seines Lehrers zu erinnern um diese letzten Endes seinen eigenen Schülern wieder mit auf den Weg geben können. Natürlich wird sich die Weitergabe des Originals mit eigenen Erfahrungen und Werten vermischen. So ist es gewollt und so ist der Lauf der Dinge – alles im Universum unterliegt ständigem Wandel. Die Grundzüge, der Ablauf der Kata aber soll gehütet werden wie das Fundament einer Burg!

Um nun dieses Wissen um die traditionellen Kampftechniken wieder zu entschlüsseln muss man zuerst also den Ablauf der Kata erlernen und diese dann mit sehr viel praktischer Übung wieder zerlegen – Bunkai!

Das ist, wie Karate funktioniert, das ist wie Kata funktioniert.

Kihon Renshu /Zenshin-Kotai / Ippon Kumite

Karate, dieser Begriff ist noch gar nicht so alt – kommerzialisiert und im großen Stil publik gemacht durch eine Versammlung der damals wichtigsten Meister am 25. Oktober 1935 – dem „Karate no hi“ – dem „Tag des Karate“.
(Anmerkung/Mutmaßung: Gewiss gab es auch hier den ein oder anderen wertvollen Meister, der nicht an dieser Versammlung teilnahm/teilnehmen wollte.)
Vorher dienten zur Beschreibung der auf Okinawa bekannten Kampfkunst japanische Begriffe für „China-Hand“ (was Einfluss chinesischer Kampfkünste widerspiegelt), „Selbstverteidigung“, „Ringkampf“ und viele weitere…
Nun konnte man die unterschiedlichsten Prägungen/Stilrichtungen einheitlich (oder zumindest unter gleichem Namen) vermarkten.
Um 1900 wurde Karate auch mehr und mehr als „Volkssport“ (Breitensport) an Schulen eingeführt. Eigens „Anfänger-Kata“ wurden erschaffen, oft stilübergreifend.

Wo ein Sensei vorher nur in einem kleinen Dojo von wenigen m² eine handvoll Schüler unterrichtete wurden nun große öffentliche Plätze, große Hallen zum Training gefüllt. Man kann sich nun auch vorstellen, dass nicht alle Schüler gleich stark motiviert und auch nicht gleich stark begabt waren.

Hier gab es dann wohl die entscheidende Entwicklung, welches das methodische Unterrichten des Karate einer radikalen Innovation unterzog.
Das, was vorher aus jeder einzelnen Kata heraus extrahiert wurde, hat man nun vereinheitlicht! Es gibt ein paar Meisternamen, die hier immer wieder erwähnt werden, hatten sie wohl am meisten Einfluss. Als Beispiel sei genannt „Kentsu Yabu“, „der General“ – wegen seines militärischen Hintergrundes.
Das heute populäre Karate lässt den militärischen Drill noch ein wenig spüren.

Es wurde nun also ein fester Pool in den wichtigsten Säulen des Karate generiert:

  • Stände wurden vereinheitlicht
  • festgelegte Grundtechniken dann in den einzelnen Ständen geübt
  • die biomechanischen Bewegungen in der Vorwärts-Rückwärts Übung gefestigt
  • die Koordination, Timing, Distanzgefühl mit Partnerübungen optimiert
  • … und wer Glück hatte (oder heute noch hat) bekam dann auch noch die Anwendungsmöglichkeiten gelehrt
  • … somit wurde auch die Grundlage gelegt, einzelne Schüler anhand von Gürtelrängen zu vergleichen und Wissen abzuprüfen – ja, damit lassen sich natürlich auch $€ usw. generieren… (Der Grund, warum die Prüfungen im Shinbukan Dojo entgeldlos von statten gehen!)

Somit kann man paradoxer Weise aber auch behaupten: Wo früher Kata am Anfang war, kommt heute Kata zum Schluss… – oder anders gesagt: Erst die Henne oder erst das Ei? Bliebe nur die Frage, was ist die Henne und was das Ei? 🙂

Nun bleibt nur noch eines: Komm vorbei, lass Dich von mir unterrichten und sieh selbst!

>> Download PDF Flyer Shinbukan