Chotoku Kyan

Jeden „Influencer“-Karateka aus unserer Linie hier vorzustellen, das würde in einem dicken Buch ausarten.
Eine wichtige Person jedoch soll hier erwähnt werden,
Chotoku Kyan,
da er doch maßgeblich an der Weiterentwicklung der Tradition des Karate beteiligt war.

Als Kyan (Familienname) Chotoku (Vorname) (喜屋武 朝徳) im Dezember 1870 in Shuri, Okinawa geboren, als dritter Sohn von Kyan Chofu. Weiter auch bekannt als Kiyatake, Kiyabu oder Chan (Kyan) Migua (Migwa).
Gestorben am 20. September 1945, Ishikawa, Okinawa. (Es wird ihm nachgesagt, er sei zum Ende des Krieges einen Hungertod gestorben, weil er seine ihm zugeteilten Essensrationen hungernden Kindern gab.)

Es gibt viele „Geschichten“ über ihn, wenige kann man heute noch belegen, aber in jeder Legende ist bekanntlich ein Fünkchen Wahrheit verborgen…
So war er für seine Kampfkunst, aber auch für ein recht „farbenfrohes“ Leben bekannt.
Großen Einfluss hatte er auf die Entwicklung verschiedener Karate-Zweige, die heute als „Shorin-Ryu“ bezeichnet werden.

Aus dem Leben

Chotoku Kyan wurde als dritter Sohn von Chofu Kyan geboren. Sein Vater, der vor der offiziellen Annexion des Landes durch Japan als „Präfektur Okinawa“ als Verwalter des Königs (Familie Sho Tai, der letzte Ryukyu König) der Ryukyu-Inseln angestellt war, gehörte ursprünglich zum „Kyan-Clan“ (berühmte und hochangesehene Hofbeamte). Ihr Wohnsitz war das Dorf „Shuri Gibu“. Chofu Kyan war ebenfalls ein echtes Mitglied der Kriegerkaste (Samurai) aus Shuri, deren Konzept aus Japan importiert wurde. Er stand durch seine Loyalität in hoher Gunst des Königs.

Sein Vater (geboren 1839) war der älteste Sohn von Motonaga Choyo und Mitglied der 8. Generation des „Motobu Udun“, eines königlichen Clans, und war im Alter von 17 Jahren in die Familie von Kyan adoptiert worden, um Haushaltsvorstand von Chotoku’s Großmutter Manabe zu werden, der dritten Tochter von Kyan Uekata. Er selbst studierte Karate unter Matsumura Sokon. Chotoku hingegen wurde wieder in die Familie Motonaga („Motobu Udun“) adoptiert, um die Nachfolge der Familie seines Vaters fortzusetzen.
(Gerade die Namensänderungen im Lauf des Lebens von vielen der alten Meister machen die historische Recherche für einen „Nichtlandes-sprachigen“ sehr schwer! Es gab im Adel selten eine Konstante: Entweder es wurde ein Titel angefügt bzw. ein Namensteil ersetzt [Peichin, Chikudun Peichin, Satonushi, Koshaku, usw.] oder es wurde der Name der Ortschaft im Namen geführt solange man dort ansässig oder Verwalter war, oder aber es wurde in eine andere Familie mit adeliger Herkunft adoptiert… Heißt, Chotoku Kyan führte höchstwahrscheinlich bei seinem Tod den Namen Chotoku Motonaga… Nicht selten kommt es aufgrund derartiger Namensänderungen zu starken Verwechslungen der Personen, oder auch ganz paradox: ein Meister hätte bei sich selber trainiert 🙂 TIPP: Folgendes Buch ist eine hervorragende Aufarbeitung des Themas: „Die Meister des Karatedo und Kobudo“ von Thomas Heinze, ISBN 978-3-8391-1785-9)

Kyan war für seinen kleinen und schmalen Körperbau bekannt, auch dafür, dass er an Asthma litt und häufig ans „Bett gefesselt“ war. Er hatte eine schlechte Sehkraft, was möglicherweise zu seinem frühen Spitznamen „Chan Migwa“ (schielender Chan, kleinäugiger Kyan) geführt hat.

Es ist bekannt, dass Kyans Vater ein Kampfkunstexperte hohen Ranges war und in seinen frühen Jahren sogar seinen Sohn in Tegumi („Kumite“, aber nicht im heutigen Sinn, sondern eine Art „Ringen“) unterrichtete. Aber Chotoku Kyans erster Lehrer war vermutlich sein Großvater Oyakata Kyan.

Ab dem Alter von 16 Jahren studierte Chotoku zwei Jahre lang unter Matsumura Sokon (Anmerkung: oder in seinem Dojo bei dessen älteren Schülern!). Danach zog er zusammen mit seinem Vater Chofu nach Tokio, wo er als Teil des inneren Kreises des Königs Sho Tai, des ehemaligen und letzten Königs des Königreichs Ryukyu, insgesamt 4, anderen Quellen zufolge 9 Jahre lang blieb. Doch dies ist unsicher! Anderen Quellen zufolge zog er mit seinem Vater im Alter von 12 Jahren nach Japan, wo er bis zu seinem 16. Lebensjahr lebte. In Tokyo wurde er in den chinesischen Klasssikern unterrichtet

Nach seiner Rückkehr nach Shuri, wahrscheinlich im Alter von 20 Jahren, begann er Tomari-te bei Kosaku Matsumora und Kokan Oyadomari aus dem Dorf Tomari zu studieren. Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen den Quellen über die Chronologie seiner Umzüge ist es nicht möglich, das Alter, das seiner Ausbildung bei diesen Meistern entspricht, zuverlässig festzustellen!

Anderen Quellen zufolge hatte der schwächliche Chotoku durch seinen Vater die Möglichkeit bekommen bei Itosu Yasutsune, Oyadomari Kokan, Maeda Peichin und Matsumora Kosaku die Kunst des Karate zu studieren. Sein Vater hatte die Auffassung, er selber wäre zu ihm als Lehrer nicht streng genug.

Im Alter von 30 Jahren galt er bereits als Meister der als Shuri-te und Tomari-te bekannten Karate-Stile.

Die beiden Schüler, die am längsten mit Kyan trainiert haben, waren Tatsuo Shimabuku und Zenryo Shimabukuro (Seibukan Schule), die (zumindest der Stilrichtungsregenden nach) jeweils mehr als 10 Jahre mit Kyan studiert haben. Kyan ist auch dafür bekannt, dass er seine Schüler ermutigt habe, Bordelle zu besuchen und zu verschiedenen Zeiten Alkohol zu konsumieren. Er wich keinem Streit/Kampf aus und ging immer als Sieger hervor.

Wohl über die Verbindung zu Maeda Peichin erlernte er von Kuniyoshi no Tanme die Kata Kushanku (Chatan Yara no Kushanku) – eine der wichtigsten und ältesten Kata des Shorin Ryu und vor allem des Sukunaihayashi Ryu (auch Shobayashi Ryu).
Chotoku eignete sich noch viele weitere Kata von verschiedenen Meistern an, er vernachlässigte auch nicht den Umgang mit dem Bo (von ihm überliefert: die Bo-Kata Tokumine no Kun).

Kyan nahm 1936 am Treffen der okinawanischen Meister teil, wo der Begriff „Karate“ standardisiert wurde und andere weitreichende Entscheidungen über die Kampfkünste der damaligen Insel getroffen wurden.

Kyan überlebte die Schlacht von Okinawa 1945, starb aber im September desselben Jahres an Müdigkeit und Unterernährung, vermutlich eben weil er seine Essensrationen verteilte.

Weitere Geschichten, Mutmaßungen und Theorien über Linien, Beeinflussungen und Verwandtschaften gibt es unzählige. Ich bitte ich selber weiter zu recherchieren.
Als Einstieg kann ich die unten angegebenen Quellen empfehlen.

(Quellen: „Die Meister des Karatedo und Kobudo“ von Thomas Heinze, ISBN 978-3-8391-1785-9; Wikipedia/en Stand: 19.11.2020, Seibukan Honbu Dojo)